Ernst Moermann Marcel Mariën
La Perle
  Henri d'Ursel

(1900 – 1974), dem es an Geld nicht fehlte, war in Paris vom Kino der künstlerischen Avantgarde angesteckt worden. Er stand in Verbindung mit Abel Gance, René Clair, Henri Chomette und traf dort den Dichter Georges Hugnet, der ebenfalls vom Kino angezogen war. Zusammen drehen sie 1929 „La Perle“. Der Film verkörpert den Geist des Surrealismus: Vermischung von Traum und Wirklichkeit, die Faszination für ein bestimmtes Objekt als Methapher des Verlangens (hier die Perle), und das Intersse an Feuillades populären Serien. In Brüssel gründet Henri d’Ursel einen Filmclub, in dem zweimal monatlich die neuesten Werke der europäischen Filmavantgarde gezeigt werden. Der Filmclub spielt eine große Rolle als gemeinsamer Bezugspunkt der belgischen Filmemacher.
1937 wird d’Ursel dann Vize-Präsident der Königlichen Belgischen Kinemathek.
Er tritt in Wort und Tat für ein freies Kino ein. In einem Artikel der Revue  générale de Belgique Schreibt er:
„Wir möchten, dass so viele Belgier wie möglich uns ein Drehbuch schicken, das die Frage beantwortet: ‚Wenn Sie so ein Gerät für bewegte und tönende Photographien hätten, wie es der Kinematograph ist, wenn man Sie mit einer Schöpfung beauftragen würde, die so neu und so persönlich wie möglich wäre, mit so wenig Beziehung wie möglich zum Roman, zum Theater, den Stars, den Gags, ohne Gewinninteressen, ohne Festlegung auf eine bestimmte Länge oder andere kommerzielle Erwägungen, ohne Rücksicht auf den Geschmack eines bestimmten Publikums, was würden sie dann machen?’
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Monsieur Fantomas
  Ernst Moermann

könnte man als den typischsten belgischen Filmemacher bezeichnen, nämlich als einen „Gelegenheits-Cineasten“ (in dem Sinne, in dem man eine günstige Gelegenheit am Schopfe pakt).
Moerman ist eine Ausnahmepersönlichkeit und sein Leben scheint einigen surrealistische Mythen zu entsprechen. Während des Kriegs entscheidet er sich, in einem Zirkuswagen zu leben, wie Raymond Roussel, der Held Bretons und Duchamps’. Sein Werk ist vor allem literarischer Art und wurde von Eluard, Cendrars und Aragon geschätzt.
Moerman ist ein antiklerikaler Anarchist. Kurze Zeit arbeitet er als Anwalt und dreht dann seinen einzigen Film, in dem sein Gefallen an Grenzüberschreitungen in Gesellschaft und Literatur gut erkennbar ist, „Monsieur Fantômas“.
„Monsieur Fantômas“ ist ein echter Traum, auch wenn die Ausstattung hinter den lyrischen Ansprüchen zurückbleibt. Die Figuren stehen außerhalb jeder dramaturgischen Logik und die Mischung aus scheinbarer Unbeholfenheit und Schönheit der Bilder gibt dem Film eine ungeheure poetische Kraft. Die Realität wird nur ausgeliehen (Dominique Païni).
Man ist erinnert an Buñuels „Ein andalusischer Hund“ und „Das goldene Zeitalter“, aber bei Fantomas gibt es diese Übergänge vom Surrealismus zum Symbolismus, wie sie für den belgischen Surrealismus typisch sind. Alles ist schön in diesem Film, dessen Zwischentitel eines Tzara oder Breton  würdig sind:
„Nehmen Sie ihre Masken ab, hier ist es dunkel“
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  Marcel Mariën

ist 1920 geboren. Mit siebzehn Jahren traf er Magritte (der übrigens auch eine Reihe kurzer Filme gemacht hat, die von ihm selbst allerdings eher als familiäre Spielerei denn als Kunst angesehen wurden). Mariën war Schriftsteller. Er hatte den Surealismus im Blut. Seine Autobiografie brachte ihm einige Klagen und Gerichtsverfahren ein.
In den Fünfziger Jahren leitete er die Zeitschrift Levres nues (Nackte Lippen), die schon viele skandalöse Beiträge, Pamphlete, Collagen und anderes dieses Brandstifters versammelte.
1959 drehte er mit allerbescheidensten Mitteln seinen einzige Film „L’imitation du cinema“, der das anständige Belgien so verunsicherte, dass man den Film für unzeigbar erklärete, für „eines zivilisierten Landes unwürdig“. Vierzig rohe Filmminuten, die Marcel Mariën drehte, ohne eine einzige Einstellung zu wiederholen, nach dem Motto „Scheiß drauf!“
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